Ganztagsschule neu denken – Ein Bildungs- und Betreuungskonzept für Stuhr
Sowohl der Landkreis Diepholz als auch die Gemeinde Stuhr haben durch entsprechende Beschlüsse sowie die Anwendung der geltenden Rechtsvorschriften den gesetzlichen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung umgesetzt und zusätzliche Betreuungsangebote geschaffen. Das niedersächsische Landesrecht regelt ausdrücklich, dass für eine Betreuung vor dem regulären Unterricht sowie für verschiedene Abholzeiten innerhalb des Ganztags kein zusätzlicher Anspruch auf Schülerbeförderung besteht.
Das ist ungefähr so, als würde ein Reiseveranstalter den Urlaubern in Cala Ratjada im Hotel mitteilen: „Die Abreise erfolgt morgen entweder um 14:00 Uhr oder um 16:00 Uhr. Für die zweite Abholzeit besteht jedoch keine Verpflichtung, einen Bus oder den dazugehörigen Flug anzubieten. An der Rezeption haben wir Wanderkarten und Kompasse hinterlegt. Den Weg zum Flughafen können Sie sich selbst bahnen.“
Neben dem tatsächlichen Betreuungsangebot und seiner rechtlich absurden Ausgestaltung gibt es darüber hinaus noch weitere Absurditäten, die ich gerne benennen möchte.
- Nachfrage und tatsächliches Nutzungsverhalten
Eltern betonen heute mehr denn je, dass sie Ganztagsangebote benötigen, um die Notwendigkeit und den individuellen Willen, mehr und anders arbeiten zu können, mit den Anforderungen ihrer Arbeitgeber vereinbaren zu können. Da nimmt es sich interessant aus, dass nach den mir vorliegenden Informationen der Schulleitungen rund 80 % aller Eltern in Stuhr die frühere Abholzeit, also zwischen 14:00 Uhr und 14:20 Uhr, gewählt haben und gerade nicht die spätere.
Meines Erachtens besteht hier eine Diskrepanz zwischen der Forderung nach der unbedingten Einrichtung entsprechender Betreuungszeiten und ihrer tatsächlichen Nutzung sowie der angeblich dahinterliegenden Notwendigkeit, mehr arbeiten zu können und zu müssen.
- Wirtschaftlichkeit, Verkehr und Ökologie
Man kann verstehen, dass öffentliche Kassen angesichts knapper finanzieller Mittel nur das Umsetzen, wozu sie rechtlich verpflichtet sind. In dem hier vorliegenden Fall bedeutet dies: ein Bus, eine Abholzeit – und damit ist dem Recht Genüge getan
Absurd ist jedoch, dass, wenn 80 % der Kinder den Ganztag bereits um 14:00 Uhr beenden, nicht auch zu diesem Zeitpunkt, also um 14:20 Uhr, die Schülerbeförderung eingesetzt wird, während man die spätere Abholzeit individuell gestaltet. Die eingesetzten Fahrzeuge werden somit um 16:00 Uhr teilweise nur halb ausgelastet Schülerbeförderung betreiben, was die Kosten pro Schüler in die Höhe treibt.
Gleichzeitig wird der Individualverkehr vor den Schulen um 14:00 Uhr explodieren, weil rund 80 % der Kinder mit dem Auto abgeholt werden. Dafür schafft man wiederum per Beschluss autofreie Zonen mit Schranken vor den Schulen, wodurch das Verkehrsaufkommen lediglich verlagert wird. Auch ökologisch mitgedacht führt diese Lösung zu unnötigen Emissionen.
- Zuständigkeiten statt Problemlösungen
Das vorliegende Problem war der Gemeinde Stuhr bereits vor den Beschlussfassungen bekannt und wurde von Eltern im zuständigen Ausschuss des Gemeinderates vorgetragen. Die Gemeinde reagierte darauf mit dem Hinweis, dass die Schülerbeförderung vom Landkreis organisiert und finanziert werde.
Nun fordern Schulleitungen, anstatt gemeinsam konstruktiv an Lösungen zu arbeiten, die Eltern dazu auf, dem Landrat möglichst alle eine E-Mail zu schreiben, um durch entsprechenden Druck eine Verbesserung der Situation zu erreichen. Herr Landrat Meyer, auf das Problem angesprochen, verweist wiederum darauf, dass nicht der Landkreis, sondern die Landesregierung zuständig sei. Folgt man dieser Logik, müssten nun konsequenterweise alle Landräte gemeinsam an das Kultusministerium schreiben.
Mehr Kindergeburtstag mit dem Spiel „Stille Post“ geht nicht. Wann laden Kommunen und Landkreise zum Schaumkusswettessen ein?
- Anspruch und Wirklichkeit
Als im Gemeinderat beziehungsweise im zuständigen Ausschuss die Umsetzung des niedersächsischen Rechts diskutiert und beschlossen wurde, war ich persönlich anwesend. Während der Vorstellung des Konzeptes und der anschließenden Debatte, die im Wesentlichen einer Lobpreisung des Konzeptes von nahezu allen Seiten gleichkam, wurden insbesondere zwei Ziele hervorgehoben: zum einen das gesunde Mittagessen und zum anderen ein Beitrag zur Verbesserung der Bildung.
Wenn man sich nunmehr die tatsächliche Umsetzung und die Realität ansieht, geht mehr Absurdität kaum.
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass das von der Gemeinde Stuhr mitfinanzierte und organisierte Betreuungssystem bereits besser ausgestaltet war, als das Modell, das die
neue niedersächsische Gesetzgebung nun vorsieht. Mit der Umsetzung der neuen Regelung geht die Gemeinde Stuhr daher tatsächlich einen Schritt zurück.
Darüber hinaus wurden bestehende Angebote an Arbeitsgemeinschaften infolge des veränderten Betreuungsverständnisses zurückgenommen, da die bislang von der Gemeinde finanzierten Betreuungskräfte künftig anderweitig, beispielsweise in Kindergärten, eingesetzt werden.
Nun suchen die Schulen pädagogische Hilfskräfte, die zunächst neu eingestellt und eingearbeitet werden müssen. Die Gemeinde ist hierbei fein raus, da sie ihre Personallücken in den Kindergärten geschlossen hat – allerdings nur zulasten eines anderen Bildungsträgers. Es werden Löcher gestopft, indem an anderer Stelle neue aufgerissen werden. Das scheint jedoch keine Rolle zu spielen, weil nun eine andere Behörde zuständig ist. Betroffen sind am Ende dennoch dieselben Kinder – nämlich unsere.
Nun sollen Lehrer teilweise an die Stelle der bisherigen Betreuungskräfte treten. Diese betonen jedoch, dass es sich hierbei nicht mehr um einen Bildungsauftrag, sondern lediglich um einen Betreuungsauftrag handelt. Als Begründung wird angeführt, dass diese Tätigkeiten aufgrund unterschiedlicher Gehälter und Stundenschlüssel anders finanziert und abgerechnet werden.
Im vollen Bewusstsein, dass sich die hier beschriebenen Entwicklungen abzeichnen würden, lobten sich Rat und Verwaltung im Rahmen der Beschlussfassungen gegenseitig dafür, einen Beitrag zur Verbesserung der Bildung geleistet zu haben. Aus meiner Sicht ist dies einer Kultur- und Bildungsnation wie Deutschland unwürdig und setzt genau jene Entwicklung fort, die seit Jahren durch die PISA-Studien aufgezeigt wird. Das Bildungssystem wird im Ergebnis nicht besser, sondern schlechter – obwohl wir zur Zukunftssicherung unseres Landes und unserer Gemeinden eigentlich die bestmöglichen Bildungsergebnisse benötigen.
Und im Ergebnis ist es selbstverständlich wichtig, Kinder unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zuverlässig zu betreuen. Noch wichtiger ist es jedoch, sie zu bilden, die längere Zeit in der Schule sinnvoll zu nutzen und ihre Neugier auf das Leben, auf Wissen und auf ihre eigenen Fähigkeiten zu wecken. Das Entscheidende dabei ist: Gute Bildung umfasst Betreuung automatisch – Betreuung allein schafft noch keine Bildung.
- Ein Alternativkonzept für Stuhr
Mit diesem nachfolgenden Abschnitt geht es nicht mehr allein darum, Kritik zu üben, sondern zugleich ein klares und in sich geschlossenes Alternativkonzept vorzuschlagen. Dabei orientiere ich mich bewusst an Frankreich, weil dort seit vielen Jahren ein
ganztägiges Bildungsangebot sichergestellt ist. Die Betreuung der Kinder ist umfassender organisiert und findet ebenso unter dem Dach der Schule statt, ist organisatorisch jedoch klar vom eigentlichen Unterricht getrennt.
Ebenso ist festzustellen, dass die französischen Gemeinden erhebliche Kosten für die Betreuung übernehmen. Gleichzeitig leisten auch die Eltern einen finanziellen Beitrag. Für eine Betreuung, die einen vollständig unterrichtsfreien Tag pro Woche sowie die übrigen Betreuungszeiten umfasst, entstehen für Familien mit durchschnittlichem Einkommen Kosten von etwa 300 Euro pro Monat. Dieses Beispiel zeigt, dass ein qualitativ hochwertiges Betreuungsangebot zwar seinen Preis hat, gleichzeitig, aber transparent organisiert und klar von der eigentlichen Bildungsaufgabe getrennt ist.
Wer über ein neues Konzept nachdenkt, muss das gerade verabschiedete zunächst einmal an die Realitäten anpassen.
Wenn aus Sicht vieler Eltern die Schülerbeförderung derzeit der wichtigste Punkt ist, besteht zunächst einmal die Möglichkeit, die individuelle Betreuungszeit an das bestehende Angebot der Schülerbeförderung anzupassen, das gegenwärtig eine Rückfahrt um 16:00 Uhr vorsieht. Von der weit verbreiteten Vorstellung, das Gemeinwesen müsse sämtliche individuellen Bedürfnisse so erfüllen wie ein Reiseveranstalter die Leistungen für seine Kunden organisiert, sollte man sich verabschieden. Ebenso sollte der Staat mit seinen Organen nicht durch Wahlkampfwohltaten genau diese Erwartungshaltung zusätzlich fördern.
Meine Haltung mag viele abschrecken und von manchen als sozial kalt empfunden werden. Aber man kann nur das versprechen, was man am Ende auch halten kann. Das mag sozial kalt erscheinen, ist jedoch ehrlich und damit letztlich verlässlich.
Genauso notwendig ist es jedoch, die Schülerbeförderung und das gesamte System an das anzupassen, was die Eltern am Ende tatsächlich mehrheitlich nachfragen. Wenn 80 % der Kinder den Ganztag bereits um 14:00 Uhr verlassen, dann muss sich die Abfahrtszeit des Schulbusses daran orientieren. Vom Landrat und von den vor Ort Verantwortlichen darf man so viel Weitblick durchaus erwarten.
- Bildung, Betreuung und Integration zusammendenken
Wenn man nun aber zumindest für Stuhr alle Bildungs-, Betreuungs- und Integrationsthemen gemeinsam angehen will, stellt sich die Frage umfassender und grundsätzlicher.
Zunächst einmal muss klar beantwortet werden, was man wirklich will und braucht: Geht es ausschließlich um Betreuung oder zugleich um mehr und bessere Bildung? Ich halte nichts davon, Bildung zu sagen und Betreuung zu meinen.
Und es bringt uns auch nur begrenzte Ergebnisse, Betreuung zu sagen, wo eigentlich Bildung benötigt wird. Das haben wir gerade mit der Schließung des Schullandheims Wöpse gesehen. Es wird gebraucht, aber nicht mehr benutzt.
Ich gebe mich damit nicht mehr zufrieden. Und zwar deshalb nicht, weil wir uns als Gesellschaft damit selbst betrügen. Und auch unsere Kinder, die unter der Überschrift „Es wird mehr und besser“ am Ende weniger bekommen, als sie tatsächlich für ihre Zukunft benötigen.
Das ist am Ende nicht nur eine Frage des Geldes, sondern vor allem eine Frage des Einsatzes der vorhandenen Mittel sowie der Einbeziehung aller gesellschaftlich relevanten Gruppen – von Sportvereinen, Kultureinrichtungen und Jugendzentren über die Eltern bis hin zur Schule selbst.
Dabei bedarf es leider auch der Feststellung, dass die Verantwortung für die eigenen Kinder trotz aller öffentlichen Angebote bei den Eltern bleibt. Diese Verantwortung ist nicht delegierbar.
Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit. Dennoch wird dieser Gedanke von vielen meiner Kollegen und anderen Denkschulen nur ungern ausgesprochen – vielleicht, weil er Stimmen kosten oder den einen oder anderen schiefen Blick aus den Reihen der Ratsmitglieder nach sich ziehen könnte.
Das macht aber nichts. Denn am Ende geht es nicht um Beifall oder Zustimmung, sondern um die Sache.
Der Ganztag als Bildungsauftrag und Chance
Wir haben nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir machen den Ganztag richtig, oder wir machen ihn zu einem Betreuungs-Wischiwaschi mit einem Wirrwarr an Zuständigkeiten und Kompetenzen. Wer das Erste nicht möchte, kann an dieser Stelle beruhigt aufhören zu lesen.
Einmal vorab: Ich selbst war immer ein Unterstützer des traditionellen Systems. Meine Meinung dazu habe ich jedoch geändert, weil sich die Art zu leben schlicht verändert hat.
Dem müssen wir nunmehr Rechnung tragen.
Der Ganztag der Zukunft wird eine Zusammenführung und aufeinander abgestimmte Verzahnung aller Träger von Bildung und Betreuung sein müssen. Er darf sich nicht nur auf einzelne Schulstufen beschränken, sondern muss kulturelle, sportliche und öffentliche Träger gleichermaßen einbeziehen. So bündeln sich finanzielle und personelle Ressourcen mit der Vielfalt von Bildung, Bewegung und Orientierung.
Wenn Sportplätze verwaist sind und die Hallenzeiten aufgrund des Ganztags nicht mehr ausreichen, lautet die Antwort nicht, eine neue Sporthalle oder einen weiteren Mehrzweckplatz zu bauen. Die entscheidende Frage muss vielmehr lauten: Wie können Vereine und Schulen gemeinsam mit Lehrkräften als Übungsleitern mehr Kinder und Jugendliche in den Mannschaften dazu bringen, dass sich Spaß, Bildung und Leistung miteinander verbinden? Betreuung geschieht dabei ganz automatisch.Gerade im Sport fällt uns Veränderung besonders dann auf, wenn die Platzierung im Medaillenspiegel hinter den Erwartungen zurückbleibt oder die Fußballnationalmannschaft bereits im Achtelfinale einer Weltmeisterschaft ausscheidet. Dann werden sofort Forderungen nach besseren Ergebnissen laut. Die schnelle Antwort lautet regelmäßig: mehr Geld für die Sporthilfe oder Klopp wird es schon richten. Ich sage Ihnen: Das wird er nicht.
Es hilft, einen solchen Motivator an der Spitze einer Nationalmannschaft zu haben. Drei Weltmeistertitel hintereinander – wie im Falle Frankreichs oder Spaniens – entstehen dadurch jedoch nicht. Jürgen Klopp kann mit den vorhandenen Mitteln ein möglichst großes Feuer mit hoher Hitze entfachen. Ein dauerhaftes Lagerfeuer entsteht dadurch aber nicht.
Das muss uns selbst klar werden. Es geht dabei gar nicht um den Weltmeistertitel. Es geht vielmehr darum, ob wir unseren Kindern in einer sich rasant verändernden Welt die Mittel an die Hand geben, die sie brauchen, um in dieser Welt ein gutes Leben führen zu können.
Und am Ende geht es natürlich auch darum, wie viele Talente wir fördern, damit sie – wenn sie es wollen – Medaillen gewinnen können.
Unser heutiges System vermittelt häufig den Eindruck, dass gute Betreuung bereits ausreicht. Ich halte das für zu wenig. Richtig gefördert und gefordert zu werden, schafft Freude am eigenen Können. Und genau daraus entstehen Selbstvertrauen, Erfolg und die Zuversicht, das eigene Leben selbst gestalten zu können.
Deshalb möchte ich Ihnen nun meine Zielvorstellung für Stuhr aufzeigen.
Eines muss jedem klar sein: Meine Sicht auf die Zukunft lautet „Res non verba“ – Ergebnisse und Taten statt Worte.
Was das bedeutet, möchte ich Ihnen nun im Detail aufzeigen. Es geht dabei nicht um das, was morgen beschlossen wird, sondern um das, was wir langfristig erreichen wollen.
Wer jetzt sagt: „Geht nicht, ist zu teuer“, kann an dieser Stelle mit dem Lesen aufhören. Diejenigen, die wissen wollen, wie es gehen kann, lade ich ein, weiterzulesen und mitzudenken.
Wir gestalten einen Ganztag, der diesen Namen auch wirklich verdient. Er wird zu einer Kombination aus dem Unterricht, wie er durchgeführt werden muss, einem gemeinsamen Mittagessen, der Hausaufgabenerstellung und Lernkontrolle durch die betreuenden Lehrkräfte, Integrations- und Sprachkursen für junge Menschen mit Migrationshintergrund sowie Sport in Verbindung mit dem Vereinstraining oder alternativen Angeboten aus den Bereichen Musik, Kunst, Kultur, der Erstellung digitaler Inhalte oder Technik.
Dabei denke ich ausdrücklich nicht nur an die Grundschule. Ein solcher Ganztag muss als durchgängiges Bildungs- und Entwicklungskonzept verstanden werden, das sich über alle Schulstufen hinweg erstreckt.
Wichtig ist dabei, dass die Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Ganztags zu Hause – abgesehen vom Lesen oder dem Auswendiglernen – keine weiteren schulischen Aufgaben mehr erledigen müssen. Die Verantwortung für Hausaufgaben, Lernkontrollen und die notwendige Unterstützung muss, soweit dies menschlich möglich ist, vor Ort von den Lehrkräften übernommen werden.
Die Aussage, aufgrund der Verteilung oder Verschiebung von Stunden betreue der Lehrer nur noch, ist mit meinem Verständnis des Lehrerberufs und der Motivation, diesen Beruf zu erlernen und auszuüben, nicht in Einklang zu bringen. Ich halte eine solche Sichtweise daher nur für wenig akzeptabel.
Eltern bleiben jedoch ebenso in der Verantwortung. Sie sind verpflichtet, ihrer Erziehungsaufgabe so nachzukommen, dass das, was ich den Lehrkräften hier an Verantwortung zuschreibe, in der Praxis überhaupt umsetzbar wird. Schule kann Erziehung unterstützen, sie kann sie aber nicht ersetzen.
Wie in Frankreich stellen wir von fünf Schultagen auf vier um. Der Freitag kann dadurch zu einem echten Tag für Familie und Freizeit werden. Da heute viele Eltern freitags im Homeoffice arbeiten, kann Betreuung an diesem Tag anders organisiert werden.
Der Schulbus fährt künftig nur noch an vier Tagen in der Woche. Dadurch lassen sich Kosten reduzieren. Dort, wo Betreuung weiterhin erforderlich ist, können soziale
Einrichtungen gemeinsam mit den Schulen diese Aufgabe übernehmen und das bestehende Angebot sinnvoll ergänzen.
Zur Verwirklichung der Idee eines gesunden Mittagessens in der Schule stellt sich zunächst die Frage der Freiwilligkeit. Vor einigen Jahren erzählte mir meine eigene Tochter vom Schulessen. Erst später musste ich zur Kenntnis nehmen, dass der Koch „Menke“ hieß und das Essen aus der Folie kam.
Deshalb können solche Angebote, wenn sie ihre Ziele erreichen sollen, leider nicht in jeder Hinsicht durch Einzelinteressen mitgestaltet werden. Ich bin ein großer Befürworter von Individualität. Aber genau wie im Fußball muss der Einzelne zuweilen
eigene Wünsche und Ziele zurückstellen und sich in den Dienst der Mannschaft stellen. So ist es auch hier. Wenn eine Gemeinde die beschriebenen Möglichkeiten schafft und dafür in Kantinen, Ausstattung und Personal investiert, dann muss dieses Angebot für alle verbindlich sein. Der hierfür zu leistende Eigenanteil der Eltern sollte sozial gestaffelt ausgestaltet werden.
Die Voraussetzung dafür ist, dass sich Vertreter der Schulen und Eltern, die Verantwortlichen der Sportvereine, Kunst- und Kultureinrichtungen sowie der sozialen Träger mit einem klaren, möglichst selbst formulierten Arbeitsauftrag an einen Tisch setzen. Leitbild ihrer Arbeit sollte dabei ein gemeinsam entwickelter Stunden- und Tagesablauf sein, der beispielhaft aufzeigt, wie ein solcher Ganztag in der Praxis konkret aussehen kann.
Beispielhafter Tagesablauf eines Ganztags
Zeit
Ort
Programm
08:00–08:45
Schule
Deutsch
08:45–08:55
Schule
Kleine Pause / Lehrerwechsel
08:55–09:40
Schule
Mathematik
09:40–10:00
Schule
Große Pause
10:00–10:45
Schule
Sachkunde
10:45–10:55
Schule
Kleine Pause
10:55–11:40
Schule
Sachkunde
11:40–12:00
Schule
Große Pause
12:00–12:45
Schule
Leseförderung
12:45–13:00
Schule
Vorbereitung Mittagessen
13:00–14:00
Mensa
Tischdecken, gemeinsames Essen, Abräumen
14:05–15:30
Schule
Hausaufgaben, Lernkontrolle und individuelle Förderung
15:30–17:00
Sporthalle / Sportplatz / Schule / Einrichtung
Nachmittagsangebote: Ballsport • Leichtathletik • Schwimmen • Turnen • Kunst & Kultur • Technik
ab 17:00
—
Schülerbeförderung
Grundsätze der Ganztagsschule Stuhr
Die Nachmittagsangebote werden in enger Abstimmung mit den Sportvereinen, Kunstschulen sowie weiteren Bildungs- und Kooperationspartnern entwickelt.
Alle Kurse sind altersgerecht konzipiert und orientieren sich an den jeweiligen Entwicklungsstufen der Schülerinnen und Schüler.
Alle Schülerinnen und Schüler nehmen an vier Nachmittagen pro Woche verbindlich an den Ganztagsangeboten teil.
Jedes Kind belegt dabei zwei Sportangebote, einen Kurs aus den Bereichen Kunst und Kultur sowie einen Technikkurs.
Unterricht und Nachmittagsangebote sind inhaltlich aufeinander abgestimmt und ergänzen sich zu einem ganzheitlichen Bildungs- und Förderkonzept.
Die verbindliche Teilnahme stellt sicher, dass alle Kinder – unabhängig von ihrem Elternhaus – gleichermaßen Zugang zu Sport, Kultur und Technik erhalten und ihre individuellen Begabungen entdecken und entwickeln können.
In der Grundschule ist der Schwimmunterricht bis zum Erwerb der jeweiligen Schwimmabzeichen verpflichtender Bestandteil des Ganztagsprogramms.
Ziel ist es, dass jedes Kind während der vier Grundschuljahre alle grundlegenden Sportbereiche kennenlernt und dadurch seine motorischen Fähigkeiten möglichst breit entwickelt.
Ab Jahrgang 5 wählen die Schülerinnen und Schüler jährlich eine Sportart, die sie – sofern gewünscht – über mehrere Jahre hinweg fortführen und vertiefen können.
Der Weg zur Umsetzung
Mit diesem Konzept endet die Diskussion nicht – sie beginnt.
Der nächste Schritt besteht darin, dass alle Beteiligten ihre Möglichkeiten und Ressourcen offen auf den Tisch legen. Schulen, Sportvereine, Kunst- und Kultureinrichtungen, soziale Träger sowie die Gemeindeverwaltung müssen gemeinsam beantworten:
- Welche Angebote bestehen bereits heute?
- Welche personellen und finanziellen Ressourcen stehen zur Verfügung?
- Welche Kapazitäten können ohne zusätzliche Mittel eingebracht werden?
- Welche Investitionen sind erforderlich, um dieses Konzept schrittweise umzusetzen?
- Welche Sport-, Kultur- und Technikangebote müssen zusätzlich geschaffen werden?
- Welche Vereine, Einrichtungen und Träger können sich beteiligen?
- Wie viele zusätzliche Übungsleiter, Trainer, Musikpädagogen und Fachkräfte werden benötigt?
- Welche räumlichen Kapazitäten stehen bereits zur Verfügung und welche müssen geschaffen oder erweitert werden?
- Welche zusätzliche Ausstattung benötigen Sportvereine, Kunst- und Kultureinrichtungen sowie technische Werkstätten, um ein solches Angebot dauerhaft sicherzustellen?
- Welche Landes-, Bundes- und EU-Förderprogramme können hierfür genutzt werden?
- Welche privaten Stiftungen, Sponsoren oder Unternehmen können als Bildungspartner gewonnen werden?
- Wie viele zusätzliche Vereinsmitgliedschaften entstehen durch dieses Konzept?
- Wie können Mitgliedsbeiträge sozial abgefedert werden, damit jedes Kind unabhängig von der finanziellen Situation seiner Eltern teilnehmen kann?
- Welche Auswirkungen ergeben sich auf den öffentlichen Personennahverkehr und die Schülerbeförderung?
- Welche Synergien lassen sich durch die gemeinsame Nutzung von Sporthallen, Schwimmbädern, Musikschulen, Jugendhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen erzielen?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, entsteht ein belastbarer Umsetzungsplan mit Zeitachse, Finanzierungsmodell und Prioritäten. Dann wird sichtbar, welche Maßnahmen sofort umgesetzt werden können, welche mittelfristig vorbereitet werden müssen und an welchen Stellen zusätzliche Investitionen erforderlich sind.
Ich bin überzeugt, dass wir dabei feststellen werden, dass bereits heute deutlich mehr Potenzial vorhanden ist, als wir derzeit nutzen. Gleichzeitig werden wir erkennen, an welchen Stellen zusätzliche Mittel erforderlich sind. Genau darum geht es: Nicht zuerst darüber zu diskutieren, warum etwas nicht geht, sondern gemeinsam herauszuarbeiten, was bereits möglich ist und was wir zusätzlich schaffen müssen, um unsere Kinder bestmöglich auf die Zukunft vorzubereiten.
Damit wird aus einer Idee ein Arbeitsauftrag. Aus einer Vision entsteht ein umsetzbares Konzept. Und genauso verstehe ich Kommunalpolitik: Nicht Probleme zu verwalten, sondern gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Schritt für Schritt Wirklichkeit werden zu lassen.
Konsequenzen daraus
Die Umsetzung dieses Konzeptes verändert den Ganztag grundlegend. Er ist künftig nicht mehr ausschließlich Aufgabe der Schule, sondern wird zu einer gemeinsamen Verantwortung von Gemeinde, Schulen, Vereinen, Kultur- und Sozialeinrichtungen sowie den Eltern.
Daraus ergeben sich insbesondere folgende Konsequenzen:
- Die Gemeinde entwickelt gemeinsam mit allen Beteiligten einen verbindlichen Masterplan für den Ganztag.
- Schulen werden zu Bildungszentren, die Unterricht, Förderung, Sport, Kultur und Technik organisatorisch miteinander verbinden.
- Vereine erhalten einen deutlich höheren Stellenwert als Bildungspartner und werden dauerhaft in den Schulalltag eingebunden.
- Sportvereine, Musikschulen, Kunst- und Kultureinrichtungen sowie soziale Träger erhalten Planungssicherheit durch langfristige Kooperationen.
- Der Bedarf an Übungsleitern, Trainern und weiteren Fachkräften wird systematisch ermittelt und durch Qualifizierungs- sowie Förderprogramme unterstützt.
- Die vorhandenen Sportstätten, Hallen, Schwimmbäder, Werkstätten und kulturellen Einrichtungen werden gemeinsam genutzt und besser ausgelastet.
- Die erforderlichen Investitionen in Gebäude, Ausstattung und Personal werden in einem mehrjährigen Stufenplan dargestellt.
- Fördermöglichkeiten des Landes Niedersachsen, des Bundes, der Europäischen Union sowie privater Stiftungen werden konsequent ausgeschöpft.
- Vereinsmitgliedschaften von Kindern werden ausdrücklich gefördert. Soziale Hürden werden durch gestaffelte Beiträge, Zuschüsse oder andere Unterstützungsmodelle abgebaut.
- Die Schülerbeförderung wird an die neuen Strukturen angepasst und hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und Qualität neu bewertet.
- Der Erfolg des Ganztags wird regelmäßig anhand messbarer Kriterien überprüft und das Konzept fortlaufend weiterentwickelt.
Ganztag darf nicht als zusätzliche Belastung verstanden werden, sondern als Investition in die Zukunft unserer Kinder und damit in die Zukunft unserer Gemeinde. Wenn es gelingt, Schule, Vereine, Kultur, Technik und soziale Einrichtungen zu einem gemeinsamen Bildungsnetzwerk zusammenzuführen, entsteht weit mehr als ein längerer Schultag. Es entsteht eine Bildungslandschaft, die Chancen eröffnet, Talente fördert und den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig stärkt.
Schlussgedanke
Nun können Sie sagen: „Das ist doch alles gar nicht Ihre Verantwortung als Bürgermeister.“
Vielleicht haben Sie damit sogar recht.
Wer jedoch einen neuen Kurs einschlagen will, muss bereit sein, Diskussionen anzustoßen, Zielvorstellungen zu entwickeln und Menschen für gemeinsame Lösungen
zu gewinnen. Es geht nicht in erster Linie um Zuständigkeiten. Es geht um die Zukunft unserer Kinder und damit um die Zukunft unserer Gesellschaft.
Wer angesichts der heutigen Verfasstheit unserer Politik in Hannover oder Berlin darauf wartet, dass von dort die entscheidenden Impulse kommen, dem geht es am Ende wie den Eltern, die um 14.20 Uhr auf den Schulbus warten: Er kommt nicht.
Deshalb müssen wir den Mut haben, selbst anzufangen. Nicht, weil wir für alles zuständig sind, sondern weil wir Verantwortung übernehmen wollen. Große Veränderungen beginnen häufig nicht mit einem Gesetz in Berlin oder Hannover, sondern mit einer Gemeinde, die den Mut hat, neue Wege zu gehen.
Kinder und Jugendliche sind von Natur aus neugierig. Sie wollen lernen, entdecken und ausprobieren. Manchmal genügt schon ein wenig Orientierung, um ihnen die Augen für eine Welt zu öffnen, die größer ist als Mobiltelefon und Skaterpark. Vielleicht entdecken sie dabei eine Sportart, ein Musikinstrument, handwerkliches Geschick, Technik oder eine Leidenschaft für Kunst und Kultur. Vielleicht entdecken sie aber auch sich selbst.
Und neben dem gewonnenen Freiraum für die Eltern erreichen wir noch etwas anderes: Wir machen genau sie stolz auf das, was ihre Kinder gelernt, geschaffen und erreicht haben. Es gibt kaum etwas Schöneres, als zu erleben, wie das eigene Kind über sich hinauswächst.
Wenn wir unseren Kindern diese Möglichkeiten eröffnen, investieren wir nicht nur in ihre Bildung. Wir investieren in Selbstvertrauen, Gemeinschaft, Verantwortung und Zukunft.
Ich finde, das wäre einen Versuch wert.